Krummacher, Gottfried Daniel - Die Wanderungen Israels durch die Wüste nach Kanaan (13).

Dreizehnte Predigt.

Neunte Lagerstätte: Alus. 4 Buch Mose 33,13.

„Ich will euch wohl unter die Ruthe bringen und euch in die Bande des Bundes zwingen,“ spricht der Herr, Ezechiel 20,37. – In diesen Worten, drückt der Herr einen heiligen Unwillen und Eifer wider sein Volk aus, das ihn verlassen hat, der aber, wie aus dem Verfolg erhellet, von gesegneter Wirkung ist, welche Vers 41 also angegeben wird: Ihr werdet mir angenehm seyn mit dem süßen Geruch, wenn ich euch aus den Völkern bringen, und aus den Ländern sammeln werde, dahin ihr zerstreuet seyd, und werde in euch geheiliget werden vor den Heiden. – Gott weiß halsstarrige Menschen schon kirre zu machen, nicht nur in seinem Zorn, sondern auch in Gnaden. Er weiß diejenigen, die hoch herfahren, schon so zu bearbeiten, daß sie ganz andere Saiten aufziehn und in einem ganz andern Ton singen, und die, so im Staube gebückt, und trostlos daniederliegen, also daß ein Seufzer den andern verdrängt, und eine Thräne die andere auffängt, so aufzurichten, daß beide sich selbst nicht kennen.

Ersteres weiß Gott, - dem übrigens beides eine Kleinigkeit ist, - schon dadurch zu bewirken, daß er ihnen nur einmal eben das Gesetz auf den Hals schickt. Da verdorret ihre Gerechtigkeit, wie Gras auf dem Dache. Kommen nun noch die feurigen Pfeile des Bösewichts hinzu, verbirgt Gott sein Angesicht, zürnt er nicht nur über ihre Sünden, sondern selbst über ihrem Gebet, umgibt er sich mit einer Wolke, daß kein Gebet hindurch kann – so geräth in Jammer und Noth, wer es auch sei, und hätte er mit David gesagt: nimmermehr werde ich darniederliegen. –

Aber auch das andere, ist ihm ein Geringes. Schnell und leicht kann er den Seelen den Sack ausziehen, daß ihnen Schmuck für Asche, und Freudenöl für Traurigkeit und schöne Kleider für einen betrübten Geist gegeben werden, daß sie genennet werden: Bäume der Gerechtigkeit, Pflanzen, dem Herrn zum Preise.

Gott führt die Seinigen bald so bald anders, und gebeut bald dem Süd- bald dem Nordwinde, durch seinen Garten zu wehen, damit seine Würze triefen. Hohel. 4,16.

Das zeigt sich auch besonders bei den Lagerstätten der Kinder Israel, mit deren Betrachtung wir, im Aufsehen auf den Herrn, fortzufahren gedenken. Der Herr erquicke uns durch sein Wort.

„Von Daphka zogen sie aus, und lagerten sich in Alus.“ So fährt Moses fort, auf ausdrücklichen Befehl des Herrn, den Ausgang der Kinder Israel zu beschreiben, wie sie zogen, wie es Vers. 2. heißt. Dies ist denn die neunte Lagerstätte. Sie heißt Alus, und lag nicht weit, etwa 3 Meilen von Daphka. Laßt uns erst einiges, als eine Art von Einleitung bemerken, und dann dieser Lagerstätte selbst unsre Aufmerksamkeit widmen.

Daphka – wie wir wissen – heißt schlagen, klopfen, werfen, und in so fern dies in leidendem Sinne genommen wird, daß man nehmlich geschlagen – wird, deutet es auf etwas Schmerzhaftes. Wir wissen noch nicht, was Alus auf deutsch heißt. Wenn wir uns dann ans Rathen und Vermuthen geben, so werden wir uns ja wohl gewissermaaßen für berechtigt halten, zu glauben, dieser Name müsse was angenehmes und fröhliches bedeuten; denn der Herr verwundet wohl, er heilt aber auch, züchtigt – tröstet aber auch wieder. Wir wollen hören! Elias sagte einmal: es ist genug, Herr. Und so möchte manche Seele auch wohl sagen, ich bin nun lange und oft genug in Daphka gewesen. Nun wirds denn wohl anders gehen, und es genug seyn. – Nun, wir wollen gleich vernehmen, was uns die neunte Lagerstätte, die Alus heißt, bringt! Genug, die vor uns herziehende Wolken- und Feuersäule gebeut uns, daselbst zu lagern und zu verharren, so lange es ihr gefällt.

Dieser Lagerstätte wird sonst nicht gedacht. Es wird sich daselbst also auch wohl, entweder nichts besonders Auffallendes zugetragen haben, oder doch nichts, was sich für die Mittheilung eignete. So eignet sich auch nicht alles aus den Erfahrungen, welche die Christen machen, um bekannt gemacht zu werden; das eine wäre zu tief, das andere zu hoch, um von andern, welche nicht die nehmlichen Erfahrungen gemacht haben, recht verstanden und angewandt zu werden. Wie vorsichtig und weise drückt sich daher nicht Paulus über ein gewisses Leiden aus, was er erdulden mußte – und welches er einen Pfahl im Fleisch und Faustschläge des Satans Engels nennt. Auch leitet unser himmlischer Bischof einige Seelen so, als ob er ihnen geböte, gehe hin und verkündige es in den zehn Städten; andern aber, sage es niemand. Einige Personen haben eine liebenswürdige, andern erbauliche Offenheit, ihr Gutes und Böses, ihre Leiden und ihren Trost, zu erzählen, während andere zurückhaltender sind. Es kann aber auch einer Seele gehen, wie Gott zum Ezechiel Cap. 3. sagt: ich will deine Zunge an deinem Gaumen kleben lassen, und wie Assaph Psalm 77,5. klagt: ich bin so ohnmächtig, daß ich nicht reden kann. Auch kann es geschehen, daß man aus sich selbst nicht recht klug werden kann, und mans machen muß, wie jener sagt: Kann ich mich selbst nicht verstehn, Laß ichs dich, den Nahen sehn.

Es kann eine Art von Dämmerung seyn, wo die Gestalten zu sehr in einander fließen, um sie genau unterscheiden zu können. Jener Blinde war zwar nicht mehr blind, sah aber doch Menschen wie Bäume wandeln. Uebrigens darf man sich bei den Führungen des Herrn nicht immer die Frage erlauben: warum so?

Noch bemerken wir vorläufig, daß diese Lagerstätte zwar noch mehr wie die vorige, von der graden Heerstraße nach Canaan, rechts abwich, so daß, wenn sie den graden Weg hätten einschlagen dürfen, sie jetzt schon recht gut im verheissenen Lande konnten angekommen seyn. Zugleich müssen wir aber bemerken, daß es nun nicht noch weiter abweicht, sondern von da an, über Raphidim, Sinai u.s.w. wie aus einem Winkel quer in den entgegenstehenden, auf Canaan losgeht. Das ist ja erfreulich zu vernehmen. O! wohl dem, mit welchem es nicht bis an sein unseliges Ende, vom rechten Wege immer abwärts geht. Wohl dem, bei welchem auch ein Wendepunkt eintritt, wo er sich von seinen Irrthümern, wo er sich von der Welt, Sünde und Eitelkeit, weg- und zu Gott, und Jesu Christo hinwendet. Möchte er sich denn auch weit vom Ziel entfernt haben und sich aus einem fernen Winkel aufmachen müssen – ach wenn es denn nur geschieht, so können auch aus Letzten, Erste werden, und wer sich um die eilfte Stunde in den Weinberg miethen läßt, noch mit den andern vollen Lohn empfangen. Nothwendig aber muß in eines jeden Menschen Leben einmal ein solcher Wendepunkt eintreten, wenns gut mit ihm gehen soll – und je frühzeitiger derselbe eintritt, desto besser. Ach! wie manches verirrte Schaf, wie mancher verlorne Groschen ist nicht in der Christenheit, und mag auch in dieser Versammlung seyn! O! daß deren auch viele wären, über welche im Himmel Freude wäre, als über Sünder, die da Buße thun. – Alle Gläubige kommen nach Alus. Mags auch zuweilen noch so dunkel und bedrängt um sie aussehen und dies lange währen – endlich wendet sichs doch wieder herrlich. Joseph kam wohl herunter bis ins Gefängniß, Jonas sogar bis in den Bauch des Fisches, Hiob bis auf den Misthaufen, Christus der Herr bis ans Fluchholz, und Israel bis Alus, bis in die babylonische Gefangenschaft, - aber endlich wandte es sich doch wunderbarlich herum. Wohl dem, der Grund hat, auch für seine Person, einen herrlichen Wechsel zu hoffen. –

Tröstliche Aussicht, daß es nun von Alus aus, wenn gleich in schiefer Richtung auf Canaan losgeht! Aber, aber, rechnet auf nichts, oder ihr verrechnet euch. Denkt doch einmal: die einunddreißigste Lagerstätte liegt gar nicht weit von dieser neunten, wo sie nach Verlauf mehrerer Jahre hinkommen, also eben so weit wieder zurück, als sie vorwärts gekommen waren. Und all dieses Weges führte sie der Herr, damit alles kund würde, was in ihrem Herzen sei, damit er sie demüthigte, um ihnen hernach wohlzuthun? Wer kanns reimen! Die Jünger zanken sich schon um die ersten Stellen im Himmelreich, und müssen sich dahin zurück weisen lassen, daß sie gar nicht hinein kommen würden, wofern sie sich nicht bekehrten und würden wie die Kinder; dahin zurückweisen lassen, daß derjenige, welcher der Oberste zu seyn wünsche, aller Knecht werden müsse. Die zwei Söhne Zebedäi erbitten sich zur Rechten und Linken Christi sitzen zu dürfen, müssen aber, sollen sie dazu gelangen, mit einer Taufe getauft werden, und einen Kelch trinken, den, und die sie noch nicht kennen. Was dünken sich nicht manchmal junge Christen, und was erwarten sie noch durch und für sich selbst zu werden! Wie thun sie den Mund der Freiheit zu Pi-Hahiroth so weit auf, als ob sie Meister in Israel wären, und die Weisheit mit ihnen sterben würde. Ich schreibe euch Jünglingen, sagt Johannes – daß ihr stark seid und das Wort bei euch bleibet und den Bösewicht überwunden habt. Vielleicht kommt ihr auch noch nach Alus, wo es sich wendet und ihr eben so zirpet und winselt, als ihr nun pochet. Das Wachsthum der Christen ist christlicher Art, und also seltsam. Wenn ich schwach bin, so bin ich stark. – Er muß wachsen, ich aber abnehmen – wer meint, er wisse was, der weiß noch nichts, wie er es wissen müßte – wer meint, er sey etwas, so er doch nichts ist, der betrüget sich selbst – wer meint, er stehe, mag wohl zusehen, daß er nicht falle – was etwas ist, macht er zu nichte und zerstreuet, die hoffärtig sind, in ihres Herzens Sinn. Aber die Hungrigen füllt er mit seinen Gütern, und erhebet die Elenden aus dem Staube. – Sehen wir die Reise der Kinder Israel an, so finden wir, daß sie einmal sogar, quer wieder über den nemlichen Weg müssen, den sie schon vorher gemacht hatten und zwar bei der zweiundzwanzigsten Lagerstätte, deren im Ganzen vierzig sind. – Was ist doch der Mensch, ruft Hiob Cap. 7. aus, daß du dich mit ihm bekümmerst, und suchest ihn täglich heim und versuchest ihn alle Stunde! In der That, der Christ muß zu was großem bestimmt seyn, da eine so lange und seltsame Zubereitung vorhergeht, wenns gleich nicht mit allen gleich kraus herumgeht.

Endlich bemerken wir, daß das Volk noch immer in der Wüste Sin wandert. Vorher wars die Wüste Etham. d.i. harter Kiesboden, nun die Wüste Sin, d.i. das Dorngesträuch. Kann man sich wundern, wenn hie und da eins ritzt und sticht? O! wohl dem, der sich bei den Dornen, die er etwa auf seinem Pfade antrifft, erstlich seiner Sünden bußfertig erinnert und sich dadurch beugen und demüthigen läßt, der zweitens der Dornen gedenkt, womit unser Herr gekrönt und für uns ein Fluch ward, damit wir durch ihn erlöset werden von dem Fluche des Gesetzes; der dankbar jedes Gute als als Sein Verdienst annimmt, und der sich wirklich diese Welt, zu einer Wüste Sin machen läßt, wo man begürtet die Lenden seines Gemüth, damit die Dornen nicht unsere Kleider fassen, sie zerreißen, oder uns aufhalten – und der seine Hoffnung ganz fest auf die Gnade, die uns dargeboten wird durch die Offenbarung Jesu Christi. Wir sind, als die da hinwegeilen und ein besser Vaterland suchen. –

Laßt uns nach diesen vorläufigen Bemerkungen, der neunten Lagerstätte selbst unsere Aufmerksamkeit widmen.

Wir überließen uns der Hoffnung, das Wort Alus werde etwas angenehmes, liebliches bedeuten, und glaubten uns zu dieser Vermuthung gewissermaßen berechtigt, weil ein Daphka vorhergeht. Was heißt Alus denn auf deutsch? Es heißt kneten, durchsäuern. In Daphka werden sie geschlagen, in Alus geknetet. Ob das was angenehmes sey, überlasse ich eurer Verständigkeit zu entscheiden. Etwas nothwendiges und nützliches ist das Kneten allerdings, wie diejenigen unter uns bezeugen werden, deren Beruf es zu verrichten mit sich bringt. Das Kneten dient dazu, die ganze Masse genau miteinander zu verbinden, sie recht handelbar und bildsam zu machen, zu bewirken, daß sie fest aneinander hängt, und daß der Sauerteig sich in gleichem Maaße durch die ganze Masse verbreitet. Ungeknetet würde ein Theil zu feucht, ein anderer zu trocken seyn, das eine zu viel, das andere zu wenig aufgehen und gesäuert werden. – Das Wort wird auch durch „Menge Leute“ gegeben.

Wir handeln hier nicht vom eigentlichen natürlichen Kneten, dessen Wissenschaft und Arbeit nur zu dem Geschäft einiger unter uns gehört. Das Volk wird hier selbst als ein Teig betrachtet, in welchem ein Sauerteig, ein anderswo her in es gelegtes Lebensprinzip liegt, das die ganze Masse durchdringen soll, die deswegen geknetet wird, um durch diese Bearbeitung genau mit sich selbst, und mit dem Lebensprinzip verbunden und bequem zu werden, die Form und Gestalt anzunehmen, die es haben soll, ohne auseinander zu bröckeln. –

Wir wissen, daß die Schrift das Wort Sauerteig in doppelter Beziehung braucht. Theils nemlich in einer bösen Bedeutung, wo es denn heißt: feget den alten Sauerteig aus. Dieser alte Sauerteig ist besonders die Erbsünde, die angeborene Verdorbenheit, dieser innere Trieb und Brunn all des Bösen, was sich in den Blüthen böser Gedanken, Neigungen und Begierden, in den Blättern böser Worte und Gebährden, und in den Früchten dieser Handlungen offenbart. Wohl ist dieser Sauerteig durch die ganze Masse des menschlichen Wesens also verknetet, daß Paulus sagt: es wohnt nichts Gutes in meinem Fleische, und Jeremias: dein Schade ist verzweifelt böse und deine Wunden sind unheilbar. – Diesen Sauerteig wieder aus uns wegzuschaffen – das ist die Kunst, das die Arbeit. Dies ist aber auch die Sache, die geschehen muß. Christus sagt: setzet einen guten Baum – das muß vorab gehen – so wird die Frucht gut. Paulus aber sagt: werdet ein Süßteig der Lauterkeit und Wahrheit. Mit einem äusserlich ehrbaren Wandel, wie rühmlich und achtenswerth er auch übrigens ist, ist doch die Sache nicht abgemacht. Das Alte muß vergehen, es muß alles neu werden. –

Wie und wodurch aber, wird dies böse Prinzip aus der menschlichen Natur weggeschafft? Das ist es eben. Menschliche Kräfte reichen dazu nicht hin. Dies geschieht aber durch die Wiedergeburt. Gleichwie jenes Böse durch die natürliche Geburt in uns gekommen ist, also muß das entgegengesetzte Gute auch durch eine Geburt aus Gott in uns kommen. Das, was dadurch in das Herz gelegt wird, heißt Geist, wie jenes Fleisch genannt wird. – Wir können es aber noch höher stellen und sagen: Christus selbst müsse als das neue Lebensprinzip in uns geboren werden, sodann aber auch, wie Paulus zu den Galatern sagt, eine Gestalt in uns gewinnen, wir gleichsam recht mit ihm durchknetet und verbunden werden, so daß er unser Ganzes immer völliger durchdringt, durchleuchtet, durchwirket, durchlebet, und seiner Verheissung und Gebet nach, Er mit uns und wir mit Ihm Eins werden, auf daß sie vollkommen seien in Eins, Joh. 17,23.

Es gibt mehrerlei Zusammenknetungen und Verbindungen in bösem, in bedenklichem, mittlerm oder in gutem Sinne. Die böseste Art haben wir schon erwähnt, und das ist dies, daß unsere Natur und die Sünde so zusammengeknetet sind, daß beide nur Einen Kuchen ausmachen. Dies geht ja auch nach der Bekehrung der Schrift so weit, daß Sünde und Mensch gleich viel bedeutet; denn heißt nicht die Sünde alter Mensch? Wie schrecklich ist es dabei, daß der Teufel sein Werk in den Kindern des Unglaubens hat, welches von Natur alle Menschen sind. Ueber das, wie leicht sammelt sich nicht ein Haufe, eine Menge Leute, um der Eitelkeit und Sünde das Wort zu reden! – Die christliche Kirche lagerte sich auch in einem übeln Sinne zu Alus, als sich allerlei Leute mit Haufen zu derselben gesellten, durch die zeitlichen Vortheile bewogen, welche sie dadurch zu erreichen meinten, und bei ihrem unveränderten Herzen, ihre heidnischen Laster mit in die Christenheit herüberschleppten. An dieser Krankheit leiden wir noch stets. Was für einen rohen, von den Heiden sich in ihren Sitten wohl wenig, oder gar nicht zu ihrem Vortheil unterscheidenden, unschlachtigen, unwissenden, ungläubigen und ungehorsamen Haufen, bildet die sogenannte Christenheit im Ganzen – und was wäre außer der großen Abgötterei und dem, was damit verknüpft ist, für ein heidnisches Laster, das nicht von Christen verübt würde? So sollte es aber nicht seyn, sondern jeglicher, der den Namen Christi nennt, auch abtreten von aller Ungerechtigkeit. – Die Lehre gerieth eben so sehr in Verfall, da man Menschenwitz und menschliche Satzungen damit verknetete, bis es so weit gekommen ist, daß die Gemeinen sammt ihren Predigern, die gesunde Lehre nicht mehr leiden wollen, sondern sich unverholen und entschieden im Ganzen dagegen auflehnen. –

So sind auch einzelne Seelen, welche Gottes- und Weltdienst in einander kneten und diesen beiden unverträglichen Herren zugleich dienen wollen, nicht aber nach dem wahren Spruch verfahren: Sagst du hiemit der Welt und was dem Fleisch gefällt, rein ab und Christo an: so ist die Sache gethan. Sie hinken auf beiden Seiten, nehmen vom Christenthum so viel an, als ihnen davon ansteht – und von der Welt, als ihnen davon beliebt. Die eine Lehre lassen sie gelten, die andere nicht, diese Gebote, jene aber nicht. Das sind böse Verknetungen und ein Alus, wo sich wahre Christen nicht aufhalten.

Bedenklich sind die Verknetungen von solcher Art, wenn die Menschen ihre Weisheit, oder vielmehr ihre Thorheit und Gottes Weisheit zusammenkuppeln, und ihre Spreu unter den reinen Waizen des göttlichen Wortes mischen; die Lauigkeit, welche Christus dem Engel von Laodicäa so nachdrücklich vorwirft, wo man nicht kalt und nicht warm, sondern lau, ein Gemenge von kalt und warm ist. Da wird Gesetz und Evangelium durcheinander gemengt, der freie Wille und die Gnade; die sogenannte und so gepriesene Toleranz und Duldung, wo man jeden glauben läßt, was er will, indem man sich selbst diese Freiheit auch vorbehält, doch aber das ächte Christenthum von dieser Duldung ausschließt. Wer wird nicht eine wirkliche Vereinigung der verschiedenen Religions-Partheien, namentlich der beiden Zweige der protestantischen Kirche zu Einer, im Geist und Wahrheit Evangelischen als höchst wünschenswerth betrachten und sie nach seinem Maße befördern? Aber wie mancher Vereinigungs-Versuch stellt sich als ein solcher heraus, der seine Wurzel in einem ganz anderen Element hat, als in dem des Geistes und der Wahrheit und einen ganz andern Namen verdient als den: evangelisch. Freilich wirft man ziemlich damit um sich. Wie aber jener gefragt wurde: Verstehst du auch, was du liesest? so möchte man manchen in Absicht dessen, was er sagt und wie er sich genannt wissen will, also fragen. Hüte sich ein jeder, daß es nicht von ihm heiße: Du hast den Namen, daß du lebest und bist doch todt; und möchte uns doch nicht im Ganzen vorgeworfen werden können: Du hast wenig Namen, die ihre Kleider nicht besudelt haben. War es dem alten Volke untersagt, wollen und leinen zugleich zu tragen, mit einem Ochsen und Esel zugleich zu ackern, oder mit mancherlei Saamen einen Weinberg zu besäen: wie viel weniger ziemt sich die geistliche Mengerei, für das neutestamentliche Volk. – Aber unsere Zeiten sind so. Wer sich nun von solchen Leuten reinigt, der wird ein geheiligt Faß seyn, zu den Ehren dem Hausherrn bräuchlich zu allen guten Werken bereitet.

Es beweisen aber auch manche gute Seelen, daß sie noch nicht zu Alus gewesen, und noch nicht gehörig geknetet worden sind. Bei manchen zeigt sich ein unreifer, fleischlicher Eifer, andere mit Gewalt zu bekehren und zu belehren. So wollen die Jünger, Feuer vom Himmel auf die Samariter fallen lassen, die Jesum nicht aufnehmen wollten. Bei manchen tritt einiges zu grell, zu vereinzelt hervor, und bildet etwas Unförmliches. So wollen einige nur von der Heiligung, andere nur von der Rechtfertigung, diese nur von Pflichten, wie jene nur vom menschlichen Unvermögen hören, die einen sind zu geistlich, so daß sie bis zur Verachtung der Predigt des göttlichen Wortes und der heiligen Sakramente verfallen – jene zu buchstäblich. Viele haben eine so strenge selbsterwählte Form, daß sie alles verwerfen, was nicht in dieselbe hineinpaßt, eine bestimmte Art sich auszudrücken, und einen Widerwillen gegen jegliche andere Redensart, wenn sie auch dasselbe sagt, wobei sie unabläßig diesen oder jenen Lehrsatz aufs Tapet bringen, sollte es auch nur zum Zank seyn. Einigen ists nicht recht, wenn nicht jedesmal von dem Verhalten des Christen die Rede ist, und andere sind so schwach, daß sies nicht vertragen können, wenn nur eines pflichtmäßigen Verhaltens gedacht, und nicht mit aller Umständlichkeit dabei auseinandergesetzt wird, daß der Mensch dies aus sich selbst nicht zu leisten vermag, seine Rechtfertigung auch auf einem ganz andern Wege suchen müsse. Kurz, oft werden Wahrheiten auseinander gezerrt, die doch beisammen gehören, auf die Eine ein zu großer, auf die Andere ein zu geringer Nachdruck und Gewicht gelegt, was doch nicht in der Ordnung ist. Sie gleichen einer Masse, die noch nicht geknetet, und also hier zu feucht, und da zu trocken, hier zu viel, dort zu wenig gesäuert ist, da zu stark oder nicht stark genug gährt und aufgeht. Sie müssen nach Alus, um daselbst geknetet zu werden, wo sich vieles anders machen wird. –

Laßt uns davon noch einiges im guten und nothwendigen Sinne bemerken.

Zuerst bemerken wir denn, daß sich kein echter Christ mit den ersten Anfängen des Christenthums begnügt, noch begnügen darf. Er meint nicht schon am Ziel zu seyn, und alles erkannt und erfahren zu haben, wenn er einige Einsichten in sein Verderben und in das Evangelium empfangen hat. Er wird nicht satt und denkt nicht, ich bins nun. Freilich kommt eine anfangende Seele, besonders wenn ihr Bußkampf scharf, und die darauf erfolgte Tröstung und Versicherung von der Vergebung der Sünden, recht kräftig und durchdringend war, wohl auf die Gedanken: nun sei sie fertig, welches auch wohl wahr ist. Allein diesen Zustand möchte man nur mit Raemses, d.i. dem Freuden-Donner vergleichen – und das war doch nur die erste Lagerstätte, wo noch neun und dreißig andere und dann noch vollends der Jordan – der Strom des Gerichts übrig ist. Halte dich herunter zu den Niedrigen. Willst du eine nützliche Meinung von dir selbst haben, so glaube von Herzen, du seist weniger oder gar nichts, deine Einsichten und Erfahrungen seien noch von gar geringer Bedeutung, und es müsse alles noch viel tiefer gehen, so irrest du dich gewiß nicht. Wohl aber irrest du dich, wenn du meinst, du seiest etwas, es wäre denn, daß du mit Paulo hinzusetzen könntest: durch Gottes Gnade. Die Corinther waren satt worden, und der zur Laodicäa sagte: ich bin reich. Aber diesen tadelt Jesus, jene sein Apostel. –

Wir sind gleichsam eine Masse Mehl, wie der Herr dieses Bild vom Reiche Gottes braucht. Soll dieses Mehl genießbarer werden, so muß das Weib, d.i. der Heilige Geist, diese Mutter aller Kinder, die Gott geboren werden, ein wenig Sauerteig hineinlegen, derselbe aber die ganze Masse durchsäuern, und sie deswegen mit demselben verknetet werden. Dieser Sauerteig ist Christus selbst, welcher uns von Gott gemacht ist zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung, welcher Licht, Leben, Wahrheit, welcher uns Alles ist. Zwischen ihm und unserer Seele, muß eine wahrhafte Vermählung und Vereinigung geschehen, welche in der Wiedergeburt beginnt, in der Heiligung fortgesetzt, und in der Verherrlichung vollendet wird. Ist eine Seele durch die Barmherzigkeit Gottes in Kraft des Heiligen Geistes zu dieser Vereinigung mit Christo gelangt, so sagt Paulus mit Recht: wir haben einen Schatz in uns, wenn gleich in irdenen Gefäßen. Sie ist geborgen, die also beglückte Seele, die Christi theilhaftig geworden ist, sie ist vom Tode zum Leben durchgedrungen, sie ist reich, ja vollkommen in ihm. Luther nennts: „wir sind mit Christo ein Kuchen geworden;“ Paulus aber: „eine Pflanze mit ihm“ und zeigt dann die köstliche Gemeinschaft mit Christo in seinem Leiden, Tode, Begräbniß, Auferstehung und Himmelfahrt. Röm. 6.

Dennoch aber sagt dieser große Apostel: nicht daß ichs schon ergriffen habe, und begehrt zu erkennen, Ihn und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden, daß er seinem Tode ähnlich werde und hinankomme zur Auferstehung der Todten. Phil. 3. Mit Christo ist ein Licht in die Seele gekommen. Dies Licht soll sie aber mehr und mehr durchleuchten, bis daß sie ein Licht werde in dem Herrn; ein Leben ist in die Seele gekommen: dies Leben soll sie mehr und mehr durchdringen, daß sie auch sagen könne: ich lebe, doch nicht ich, sondern Christus lebet in mir; die Weisheit ist in ihr, die soll sie mehr und mehr erfüllen, daß es von ihr heißen könne: ihr wisset alles, denn ihr habet die Salbung von dem, der heilig ist. Die Vollkommenheit ist in ihr, und alle sollen hinzu kommen zu einerlei Glauben und Erkenntniß des Sohnes Gottes und ein vollkommener Mann werden, nach dem Maße des vollkommenen Alters Christi, und zunehmen in allen Stücken an dem, der das Haupt ist, Christus. Eph. 4. Der Herr redet von einem Essen seines Fleisches und Trinken seines Blutes, und deutet eben damit auf die allergenaueste Verbindung der Seele mit ihm, woraus nothwendig die allerseligsten Folgen entspringen müssen. –

Dies ist also das Ziel, der Zweck. Er zeigt uns etwas vortreffliches. Aber welcher Weg führt zu diesem Ziele? Der Begriff des Knetens, zeigt wohl für die Natur nichts angenehmes an, so wie die Sache selbst, eine nicht geringe Arbeit. Sie geschieht mit den Händen, aber auch, wenn der Teig groß ist, mit den Füßen. So hatten die Kinder Israel auch einst den Leimen treten und kneten müssen, als sie genöthigt waren, Ziegelsteine zu verfertigen. Nun aber mußten sie selbst gleichsam der Leimen seyn und sich treten und kneten lassen. Wie mochte ihnen dabei zu Muthe sein! Nun müssen sie ihr Lager, ihre Zelte aufschlagen; kaum sind sie im Begriff, sich zur Ruhe zu begeben, so erhebt sich die Wolkensäule wieder, und nöthigt sie, wieder aufzubrechen, vielleicht mitten in der Nacht, um etliche Meilen weiter sich wieder niederzulassen; dann mangelts an Brod, dann wieder am Wasser. Heißt das nicht kneten? Gott sagt durch den Propheten Jesaias Cap. 41.: ich erwecke einen Gerechten, der soll ihnen meinen Namen predigen, und über die Gewaltigen gehen, wie über Leimen, und wie ein Töpfer den Ton tritt. Was heißt das anders als: er wird sie demüthigen, ihnen anzeigen, daß sie nichts sind, und ihr Thun aus nichts, wie es gleich vorher heißt. Noch nachdrücklicher spricht Ezechiel Cap. 21.: wer sich erhöhet hat, soll erniedrigt werden, und wer sich erniedrigt hat, soll erhöhet werden. Ich will die Krone zu nichte, zu nichte, zu nichte machen, bis der komme, der sie haben soll, dem will ich sie geben.

Durch Kneten wird bewirkt, daß die ganze Masse genau mit sich selbst, und dem Sauerteig verbunden, an einander hängt, und Ein Ganzes ausmacht, indem sie ihre natürliche Beschaffenheit verliert, und eine andere annimmt. So sind alle wahre Christen Ein Leib, dessen Haupt Christus ist. Ein Geist lebt in ihnen allen, der von Christo in sie übergeht. Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater unser aller, der da ist über euch alle und durch euch alle, und in euch allen. Das Eigene muß mehr und mehr aufhören, um Christo Raum zu geben, daß es heißen könne: nicht ich, sondern Christus in mir. Die Liebe soll alle als ein festes Band umschließen, und alle Getheiltheit je länger, je mehr wegfallen, daß es wieder werde, wie es zu Jerusalem war, Ein Herz und Eine Seele. Besonders aber soll die Seele immer inniger mit Christo vereinigt werden, und in ihm Glauben anhangen. Wer aber dem Herrn anhängt, ist Ein Geist mit Ihm.

Da wird freilich noch ein tüchtiges Kneten erforderlich seyn, wodurch das Eigene unter die Füße getreten werde, und die Liebe emporkomme. Doch wird sie ja auch jetzt unter wahren Christen sichtbar, wie gebrechlich auch.

Wehe aber denen, welche endlich als beharrlich Unbußfertige, unter die erschrecklichen Füße Gottes gerathen, daß er über ihnen hergeht, wie über Leinen und wie Feinde, die gelegt werden zum Schemel seiner Füße. Wohl aber allen, die mit dem Süßteig der Lauterkeit und Wahrheit, also verknetet werden, daß sie ein neuer Teig und auf eine unzertrennliche Weise mit Christo und seiner Gemeine zu Einem Ganzen verbunden worden. Geht’s denn auch wunderlich, so geht’s doch herrlich. Endlich werden doch Schmerz und Seufzen weg müssen. Freude und Wonne werden sie ergreifen und ewige Freude über ihrem Haupte seyn. Amen.